Biologie und Lebensweise der Libellen

 

Allgemeines - Lebensräume - Paarung - Eiablage - Larvalentwicklung - Schlupf
 
Libellen gehören zu den hemimetabolen Insekten, d. h. daß sie eine unvollständige Metamorphose absolvieren. Dabei wird das Puppenstadium ausgelassen, die aus dem Ei schlüpfende Larve häutet sich mehrfach, bis aus der letzten Larvalhaut dann schließlich das fertige Insekt (Imago) schlüpft. Diese Lebensphasen sollen im weiteren noch etwas genauer beschrieben werden.
1. Allgemeines

Libellen trifft man vor allem an oder nahe bei Gewässern an, was zum einen damit zu begründen ist, daß sie den Lebensabschnitt als Larve dort verbringen und deshalb auch dort wieder ihre Eier ablegen müssen. Zum anderen aber halten sie sich auch dort auf, weil das Nahrungsangebot an kleineren Insekten (Mücken, Fliegen ect.) dort besonders groß ist. Dies gilt besonders für Kleinlibellen, die sich selten mehr als einige Meter vom Gewässerrand entfernen, wohingegen man die Großlibellen häufig auch kilometerweit von irgendeinem Gewässer entfernt beobachten kann, wo sie z.B. an Waldrändern oder über Heideflächen jagen.

Sie sind sehr geschickte und schnelle Flieger, das haben sie dem Umstand zu verdanken, daß sie durch einen im Tiereich einzigartigen Flugmuskelapparat in der Lage sind jeden ihrer vier Flügel einzeln zu bewegen. Dies befähigt sie schier unmögliche Flugmanöver auszuführen. Wer schon einmal versucht hat einer jagenden Libelle mit den Augen zu folgen, der wird es wahrscheinlich schnell wieder aufgegeben haben, denn diesem Tempo kommt man kaum nach.

Diese Jagdweise wird nur ermöglicht, weil Libellen neben der Schnelligkeit und Wendigkeit noch eine weitere hevorstechende Eigenschaft besitzen. Sie können sehr gut sehen, mit ihren großen Facettenaugen, die aus bis zu 30000 Einzelaugen zusammengesetzt sind, haben sie ein fast 360° umfassendes Sichtfeld und dazu eine hohe Auflösung.

Die Lebensdauer der Imagines ist meist recht kurz, die wenigstens Arten leben länger als 6-8 Wochen, manche Arten sogar nur 14 Tage. Eine Ausnahme bilden die Winterlibellen (Gattung Sympecma), die in zwei Arten in Deutschland vorkommen, diese überwintern als Imago und können dadurch bis zu 10-11 Monate leben, den größten Teil dieser Zeit verbringen sie allerdings im Ruhezustand.

2. Lebensräume 
Libellen stellen im allgemeinen sehr spezielle Anforderungen an ihren Lebensraum, sie kommen nur an Orten vor, die genau ihren Ansprüchen genügen, dies nennt man Stenökie. Und genau diesem Umstand haben sie auch ihre starke Gefährdung zu verdanken.
Nur einige wenige Arten, die sogenannten "Allerweltsarten", sind als euryök zu bezeichnen, d.h. daß sie in einem weiten Spektrum verschiedener Lebensräume zu finden sind. Sie kommen selbst mit Umständen zurecht, in denen man eigentlich keine Libellen erwarten würde. Zu diesen Arten zählen z.B. die Blaugrüne Mosaikjungfer (Aeshna cyanea), die Gemeine Pechlibelle (Ischnura elegans) und die Hufeisen-Azurjungfer (Coenagrion puella).
 Ein paar etwas anspruchsvollere Arten kommen ebensfalls in sehr vielen verschiedenen Gewässertypen vor, benötigen aber eine gutausgebildete Wasservegetation. In diese Gruppe gehören z.B. der Vierfleck (Libellula quadrimaculata), die Gemeine Heidelibelle (Sympetrum vuglatum) und die Frühe Adonislibelle (Pyrrhosoma nymphula).
Die genauen Habitatansprüche der einzelnen Arten soll bei der Beschreibung der Arten dargestellt werden.
 3. Paarung
Die Paarung stellt sich bei den Libellen als recht komplizierte Angelegenheit dar, es hat sich im Laufe der Evolution eine recht umständliche Verhaltensweise herausgebildet, die aber wahrscheinlich zur Arterhaltung beiträgt.
Hierbei ergreift zunächst das Männchen das Weibchen mit seinen Hinterleibsanhängen an einer Stelle hinter dem Kopf, diese Körperteile sind so geformt, daß sie wie Schlüssel und Schloß ineinander passen.
Bei den Kleinlibellen fliegt das so gebildete "Tandem" nun an einem Sitzplatz. Dort füllt das Männchen erst einmal seine sekundäre Geschlechtsöffnung, eine Samentasche an der Unterseite des 2. Hinterleibsegments, mit dem Samen, dazu muß es sein Abdomen (Hinterleib) stark einkrümmen. Wenn dies geschehen ist kommt es erst zur eigentlichen Paarung, hierbei krümmt nun das Weibchen sein Abdomen ein und verankert sich mit seiner Geschlechtsöffnung am männlichen Begattungsorgan.
So entsteht das sogenannte "Paarungsrad", das zwischen wenigen Minuten bis zu einer Stunde bestehen bleiben kann. Danach löst sich das Weibchen wieder, und das Tandem fliegt meist gemeisam zur Eiablage (s.u.).
Bei den Großlibellen läuft alles im Prinzip genauso ab, nur daß die Paarung zunächst im Flug vollzogen und später im Sitzen beendet wird. Bei den beiden Arten Plattbauch (Libellula depressa) und Vierfleck (Libellula quadrimaculata) spielt sich sogar die gesamte Paarung in wenigen Sekunden in der Luft ab.
Oft kommt es an einem Tag mit mehreren Partnern zur Paarung (v.a. bei Großlibellen). Es wurde festgestellt, daß dabei das Männchen vor der Begattung jeweils den Samen des Vorgängers aus dem weiblichen Genitaltrakt räumt.
4. Eiablage

Hiebei gibt es sehr unterschiedliche Typen, die oft familienspezifisch sind, deshalb sollen sie einzeln beschrieben werden:

Prachtlibellen: Das Weibchen legt alleine in Pfanzengewebe von über das Wasser ragenden Pflanzen die Eier ab, dabei taucht es auch oft unter. Das Männchen hält sich dabei in der Nähe auf.
Teichjungfern: Paarweise übereinander an senkrecht aus dem Wasser ragenden ("Lestes-Typ") oder hintereinander auf schwimmenden Pflanzenteilen ("Sympecma-Typ"). 
Bei der Gemeinen Binsenjungfer (Lestes sponsa) tauchen auch beide Partner ins Wasser, 
die Weidenjungfern (Lestes viridis) legen nur in Gehölzen am Ufer ab.
Federlibellen/Schlanklibellen: Fast immer paarweise. Meist setzen sich die Weibchen auf Wasserpflanzen, die Männchen stehen dabei steif aufrecht mit angezogenen Beinen über ihnen ("Coenagrion-Typ").
Manche Arten sind auch flexibel in ihrer Sitzposition, bes. die Frühe Adonislibelle(Pyrrhosoma nymphula). 
Bei den Pechlibellen (Gattung Ischnura) legen die Weibchen immer alleine ab.
Einige Arten tauchen auch unter, allerdings nur das Weibchen, das Männchen läßt dann meist los oder bleibt wenigstens mit dem Vorderkörper über Wasser.

Edellibellen: Weibchen legen alleine ab. Ausnahmen:
Südliche Mosaikjungfer (Aeshna affinis), paarweise nach ("Lestes"- oder "Sympecma-Typ")
Kleine Königslibelle (Anax parthenope), paarweise oder allein.
Quelljungfern: Alleine im Flug, dabei wird der Legebohrer ins Bachbett gestoßen.
Flußjungfern/Falkenlibellen/Segellibellen: Alleine im Flug, meist werden die Eier einzeln oder in kleinen Portionen durch wippende Bewegungen des Abdomen ins Wasser geworfen.
Die Heidelibellen (Gattung Sympetrum) tun dies als "Tandem".
Bei den Gattungen Libellula und Orthetrum kreisen die Männchen in der Nähe.

Ingesamt ist von den primitiveren zu den als höher entwickelt geltenden Arten ein Trend von alleine ablegenden Weibchen zur paarweisen Ablage zu beobachten. Dies bringt einen größeren Schutz vor Feinden und auch die Gewährleistung einer Eiablage ohne Störung durch andere partnersuchende Männchen.

 5. Entwicklung der Larven
Die Larve schlüpft nach ca. 3-4 Wochen (bei spät ablegenden Arten erst im Frühjahr).
Das erste Larvenstadium ist die sogenannte Prolarve, sie sieht fast wurmförmig aus und erinnernt in keiner Weise an die späteren Stadien. Sie häutet allerdings schon nach wenigen Minuten zur ersten richtigen Larve, diese mißt nur ganze 2 mm.
Im Abstand von ein bis zwei Wochen häutet sie sich noch 7-11 mal. Wobei die Zeiträume der letzten Häutungen artspezifisch sehr unterschiedlich sind können (bis zu einem Jahr). Ebenso auch die Zahl der Häutungen und damit auch die Zeit der gesamten Larvalentwicklung, im Minimum 2-3 Monate (z.B. versch. Lestes-Arten) im Maximum bis zu 5 Jahre (Gattungen Cordulegster ud Gomphus).
In der Entwicklung als Larve vergrößern sich ständig die Flügelanlagen, die Anlagen der Legeröhre, die Kiemenblättchen , mit den sie atmen, und die Augen.
Die Larven leben ebenso wie die Imagines räuberisch von Larven anderer Insekten, Kleinkrebsen und Würmern. Häufig werden auch kleinere Artgenossen zur Beute, wobei die größeren Arten auch vor Amphibienlarven und Jungfischen nicht haltmachen.
Im Gegenzug sind allerdings auch die Libellenlarven selbst vielen Verfolgern ausgesetzt, besonders aber Fischen, deshalb führt ein starker Fischbesatz (Stichwort "Goldfischteich" im Garten) auch zu einem geringen bis fehlenden Libellenbestand.
6. Schlupf der Imagines
Im Endstadion der Larvalentwinklung schwellen die Flügelscheiden stark an, die Konturen der großen Komplexaugen zeichnen sich bereits deutlich ab, die Larve wird träge und frißt nicht mehr. Die Kiemenatmung wird allmählich auf die Tracheenatmung umgestellt, deshalb schiebt sich die Larve auch immer häufiger mit dem Vorderkörper aus dem Wasser heraus.
Zur eigentlichen Häutung klettert sie dann frühmorgens bei günstigem Wetter an einem Pflanzenstengel hinauf und verankert sich fest. Nun bricht die Vorderseite der Larvenhaut oben auf und Kopf und Oberkörper (Thorax) der Imago schieben sich langsam heraus. Die Libelle läßt sich dann nach hinten sinken und verharrt so, wenn auch alles andere bis auf die Abdomenspitze die Larvenhaut verlassen hat, eine halbe bis ganze Stunde.
Danach biegt sie sich wieder nach oben, hält sich an der leeren Larvenhaut (Exuvie) fest, zieht den Rest des Abdomens heraus und beginnt die Flügel durch Einpumpen der Blutflüssigkeit auszubreiten.

Zuletzt wird noch das Abdomen auf die volle Länge gestreckt, dann die Flügel geöffnet und die Libelle startet zu ihrem ersten Flug (Jungfernflug).
Bei den Großlibellen dauert der gesamte Vorgang etwa 1-3 Stunden.
Bei den Kleinlibellen läuft alles etwas einfacherer und schneller an, es fehlt die typische Ruhephase in Abwärtsstellung. Die Imago kommt einfach oben aus der Exuvie heraus, klammert sich fest und befreit sich vollständig.

Wenn man gerne einmal Libellen beim Schlüpfen beobachten möchte, sollte man am besten am ersten sonnigen Tag nach einer längeren Schlechtwetterperiode frühmorgens an ein gutes Libellengewässer gehen. Oft gibt es an solchen Tagen ein Massenschlüpfen von u.U. mehr als hundert Individuen gleichzeitig.